Roman
Originalveröffentlichung
Broschur, 128 Seiten
€ (D) 12,90 / € (A) 13,30 /
sFr 24,–
ISBN 3-89401-586-2
Neuerscheinung 2009
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Über den Tisch krabbelt langsam die fette Fliege. Läuft ein kleines Stück, bleibt stehen, läuft weiter, bleibt wieder stehen, putzt sich, läuft weiter. Mit dem Rüssel tastet sie die Oberfläche des Tisches ab, bis sie einen Brotkrümel findet. Sie macht sich über den Krümel her. Ich gehe mit dem Gesicht so nah wie möglich an die Fliege heran, beobachte neugierig, wie sie mit ihrem Rüssel den Krümel abtastet. Die Verdickungen am unteren Ende des Rüssels sehen aus wie Lippen. Sie stülpt die Lippen über den Krümel. Haben Fliegen überhaupt Lippen? Immer wieder zieht sie den Rüssel zurück, um ihn erneut auszufahren. Es scheint sie nicht im Geringsten zu stören, dass ich sie dabei betrachte, ganz nah mit meinem Gesicht an sie heranrücke. Sie ist hier in diesem Raum eingesperrt genau wie ich, sie ist meine Mitgefangene. Hallo Mitgefangene! Was können wir machen, um hier rauszukommen? Du könntest durch die Scheibe, wenn ich sie einschlage, ich nicht. Meine Mitgefangene hat sechs Beine, einen haarigen schwarzen Körper und Riesenaugen. Soweit ich aus dem Biologieunterricht noch weiß, Facettenaugen. Damit sieht sie alles tausendfach, oder auch nicht ganz so oft, ich war in Biologie nie eine Leuchte. Ein unruhiger Geselle. Sie lässt ab von ihrem Brotkrümel und fliegt durch den Raum. Bleibt an der Decke sitzen, läuft ein Stück quer über die Decke. Hebt ab, lässt sich erneut auf dem Tisch nieder. Fängt an sich zu putzen. Eines der vorderen Fliegenbeine fährt ständig über ihre Augen. Die Bewegung wirkt irgendwie abgehackt. Können Fliegen ihre Augen eigentlich bewegen, womöglich in unterschiedliche Richtungen, wie ein Chamäleon? Jetzt streckt sie einen der Flügel. Dabei reckt sie einen Lauf aus, steht nur noch auf fünf Beinen, dann den anderen. Ganz schön beweglich, diese Kleine. Danach hebt sie wieder ab. Sie setzt sich auf meinen Arm. Mit einer kleinen, kaum wahrnehmbaren Bewegung verscheuche ich sie. Sie lässt sich nicht verscheuchen, kommt wieder, setzt sich auf meinen Arm. Du bist ganz schön hartnäckig. Ich halte still, spüre ihre Beinchen auf meiner Haut, ganz leicht. Sie tastet die Haut mit dem Rüssel ab. Leckt mit dem Rüssel das Salz. Das kitzelt. Du beginnst mich zu nerven, kleine Mitgefangene. Ich verscheuche sie, indem ich mit Armen und Händen hin und her fuchtele. Sie stört sich nicht daran, wird immer dreister. Setzt sich sogar mitten in mein Gesicht. So nicht,
meine Freundin! Sie hebt wieder ab, zieht ihre Runden. Ich hole das Handtuch und schlage mehrfach ins Leere. Wie ein Idiot verfolge ich die Fliege, das Handtuch wild schwingend, durch den Raum. Dabei fällt der Tetrapak um, die Milch läuft aus der Packung, ergießt sich über den Tisch. Bis ich die Verpackung greifen kann, ist der Inhalt halb ausgelaufen. Eine große weiße Lache auf dem Tisch, langsam breitet sie sich zur Tischkante hin aus. Läuft schließlich über die Kante, ein dünner Strahl rinnt zu Boden. »Na warte, Miststück!« Die Fliege läuft durch die Milchpfütze über den Tisch. Eigentlich läuft sie über die Oberfläche hinweg. Ich schlage nach ihr, versuche sie mit meinem Handtuch zu erledigen. Sie weicht geschickt sämtlichen Schlägen aus. Fliegt hoch. Ich schlage wie wild um mich, ohne mein Ziel im Auge zu haben, schlage einfach darauf los. Das Handtuch schnalzt durch die Luft. Einer dieser Hiebe hat Erfolg. Plötzlich liegt sie vor mir auf dem Tisch. Neben der Milchlache. Liegt einfach da. Direkt vor mir! Neugierig betrachte ich mein Opfer. Zuerst liegt sie da wie tot, auf dem Rücken, die Beine angewinkelt. Ich puste dagegen. Die Beinchen fangen an zu zappeln. Mein Pusten hat ihr den Odem des Lebens erneut eingehaucht. Sie rappelt sich wieder auf, zaghaft, dreht sich vom Rücken auf die Beine, fängt an zu laufen. Sie sieht komisch aus, der linke Flügel steht weit ab und ragt schräg in die Luft. Sie kann ihn nicht mehr anlegen. Der andere Flügel schleift am Boden. Lädiert läuft sie im Kreis. Hast wohl die Orientierung verloren? So, meine Kleine, jetzt ist es vorbei, du kannst mich nicht mehr nerven. Du nicht, Miststück! Sie versucht zu fliehen, tappt erneut in die Milch. Sie zieht eine weiße, schlängelnde Spur. Ich sehe ihr lange zu, bis sie anfängt mich zu langweilen und ich ihrer überdrüssig werde. Das war’s dann wohl, meine Süße! Ich schnippe die Fliege mit dem Zeigefinger weg.
Ich habe Durst, trinke aus dem Tetrapak. Ich neige meinen Kopf nach hinten, lasse die Milch aus der Packung direkt in meinen weit geöffneten Mund laufen und schlucke sie gierig hinunter. Ein feiner Faden Flüssigkeit läuft aus meinem Mundwinkel langsam über das Kinn den Hals hinab. Ich setze die leere Packung ab und wische mir mit dem Handrücken über Mund und Hals. Der kleine Rest hat nicht gereicht, meinen Durst zu stillen. Ich glotze auf die Flüssigkeitsansammlung auf dem Tisch. Ein riesiger Milchsee, den die blöde Fliege verursacht hat. Gut, sie hat es gebüßt. Aber ich büße nun auch! Ich habe Durst, schrecklichen Durst. Ich wende meinen Kopf nach links und nach rechts, ich weiß, ich bin alleine im Zimmer, aber ich sehe mich dennoch um. Es wäre mir peinlich, beobachtet zu werden und es nicht zu wissen. Vielleicht hat der Typ im ganzen Raum Kameras aufgestellt! Ich bin das Versuchskaninchen einer neuen perversen Fernsehserie. Nach dem Motto: Was macht jemand, entführt, eingesperrt in einen Raum? Und das heimlich durch eine Kamera beobachtet. Eine irre Fernsehsendung, zu Hause vor der Glotze sitzen Familien in Trainingsanzügen, naschen Chips und schließen Wetten darauf ab, was ich als Nächstes tun werde. Ich bücke mich über den Tisch. Wenn ich die Lippen spitze, kann ich den Milchsee berühren. Eine Haarsträhne löst sich, fällt hinein. Ich fische sie heraus, streife meine Haare nach hinten, halte sie fest. Mit beiden Händen halte ich sie fest und beginne mit gespitztem Mund die Flüssigkeit einzusaugen. So, jetzt bekommt ihr da draußen vor der Glotze was zu sehen! Ich schlürfe laut, halte inne, um zu verschnaufen, und horche, ob nicht doch irgendwo ein Geräusch auf eine Kamera oder einen heimlichen Zuhörer hinweist. Niemand da. Tja, meine lieben Zuschauer, da ist euch ja richtig was entgangen! Ich sauge den ganzen Tisch ab. Geschafft! Meine Lippen fühlen sich durch die Vibrationen pelzig an, als hätte ich stundenlang Trom-
pete gespielt oder Luftballons aufgeblasen.
Was war das für ein Geräusch? Ein Rumoren und Rumpeln von unten. In der Nähe der Treppe?
Ich starre auf die Falltür. Kein Knarren der Treppe, niemand steigt herauf. Die Tür bleibt verschlossen. Wieder Schritte, laute klackende Geräusche, die Schritte entfernen sich, kommen wieder.
Auf Zehenspitzen gehe ich zur Tür und knie mich vorsichtig hin. Ganz vorsichtig, um ja kein Geräusch zu machen, krabble ich auf allen Vieren zur Falltür. Beuge mein Gesicht langsam hinunter zur Ritze, bis meine Augenbrauen das Holz berühren.
Da ist jemand! Ich sehe nur einen an den Hinterläufen gepackten Hasen und den Arm, der ihn hält. Der Rest ist außerhalb meines Blickfeldes. Der Hase ist vermutlich tot, nein, plötzlich zappelt er, mehrmals geht ein kurzes kräftiges Rucken durch seinen Körper. Dann hängt er wieder schlaff nach unten. Ich habe mich wahnsinnig erschreckt, Gott sei dank aber rechtzeitig die Hand vor den Mund gehalten, um nicht zu schreien. Der da unten soll nicht merken, dass ich ihn beobachte. |